Inhaltsstoffe auf dem Prüfstand: Mikroplastik in Kosmetik

In dieser Serie dreht sich alles um weitverbreitete, aber nicht immer unbedenkliche Inhaltsstoffe in diversen Produkten. Wir vom Amazingy Magazine möchten unser fundiertes Wissen teilen, sodass auch ihr die oft kryptischen Zutatenlisten auf Lebensmitteln und Kosmetikprodukten versteht. Ein bewusstes Konsumverhalten und das Verständnis dafür, was wir unseren Körpern innerlich und äußerlich zuführen, ist unserer Meinung nach der erste Schritt zu einem gesunden Lebensstil – und ein Akt der Selbstliebe.

Plastik – der geliebte Feind

Die Kleinstpartikelproblematik dürfte vielen von euch bekannt sein. Laut und zurecht wurde in den letzten Jahren die Verwendung von Mikroplastik in Kosmetikprodukten kritisiert. Denn die kleinen Plastikpartikel haben nur einen äußerst kurzen Zeitraum tatsächlichen Hautkontakt. Direkt nach Verwendung werden diese nämlich den Abfluss runter gespült und landen als sekundäre Mikroplastik im Meer und in den Bäuchen von Fischen und Möwen (und letztendlich auf unseren Tellern und wieder in unseren Körpern).

Der Plastikabfall der Menschen gefährdet das maritime Leben gravierend und unmittelbar. Die Bilder von verendeten Meeresvögeln, die mit plastikgefülltem Magen elendig verhungerten, sind schockierend. Es ist von jährlich 8 Millionen Tonnen Plastikmüll zu lesen, riesige Müllinseln strudeln in den Ozeanen umher. Der Müll wird im Meerwasser spröde und zersetzt sich dann nach und nach zu Mikroplastik. In einigen Wasserproben ist mittlerweile mehr Plastik als Plankton zu finden. Das Zeitalter des Plastozäns ist angebrochen, heißt es weiter und es wirklich Zeit, etwas zu tun! Bisher übernehmen das aktiv vor allem Initiativen wie „Fishing for Litter“ vom NABU, der BUND oder das Projekt „The Ocean Cleanup“.

Auch das deutsche Bundesumweltamt warnt (aber verbietet nicht) vor den Risiken für Umwelt und Gewässer. Viele Kosmetikhersteller (darunter Unilever, L’Oréal und Johnson & Johnson) haben sich freiwillig dazu verpflichtet, ab 2014 auf Mikroplastik zu verzichten. Dieses Versprechen wurde nun 2 Jahre später vom BUND sowie dem Startup-Unternehmen Codecheck in einer umfassenden Studie überprüft. Mit dem erschreckenden Ergebnis, dass sich viele Hersteller leider nicht an ihr eigenes Versprechen halten.

Während Wissenschaftler alle synthetischen Polymere unter einer Größe von 5 mm als Mikroplastik versteht, werden in der Kosmetikindustrie alle möglichen, tarnenden Namen verwendet und teilweise nur Polyethylen (PE) als Mikroplastik anerkannt. Doch auch Polypropylen (PP), Polyethylenterephtalat (PET), Nylon-12, Acrylate Crosspolymer (ACS) oder Polystyrene (PS) sind zuhauf in Peeling, Duschgel und Foundation zu finden. Was auch immer die dort zu suchen haben. Das Argument, diese Inhaltsstoffe seien effektiv und günstig, scheint nicht ausschlaggebend zu sein. Denn es gibt sie, die günstigen Alternativen, die in der Biobranche verbreitet sind. Selbst in Zahnpasten wird mittlerweile auf abrasive Plastikpartikel verzichtet und stattdessen sanftere und umweltschonende Silikate gesetzt.

Wir haben mit Franziska Grammes von Codecheck gesprochen, die mittlerweile Profi in Sachen Mikroplastik ist.

Franziska Grammes von Codecheck

Franziska, warum denkst du, halten sich viele Hersteller nicht an ihre freiwillige Selbstverpflichtung? Alles nur Marketing?

Zum Teil halten sich die Hersteller an ihr Versprechen. Wir können derzeit beobachten, dass das Polyethylen aus Peelings zunehmend verschwindet. Dafür werden dann aber andere Mikroplastikstoffe wie Acrylates Copolymer (AC) oder Acrylates/ C10-30 Alkyl Acrylate Crosspolymer (ACS) eingesetzt. Diese Stoffe definiert die Industrie dann aber einfach nicht als Mikroplastik. Umweltorganisationen wie der BUND oder Greenpeace widersprechen da aber vehement. Was fehlt, ist also eine einheitliche Definition von dem, was Mikroplastik eigentlich ist und ein umfassendes Verbot. Sonst wird es immer wieder Schlupflöcher geben und das Plastik landet weiterhin in unseren Cremes, unsere Schminke oder unseren Duschgelen. Zum Glück gibt es für uns Konsumenten heute Mittel und Wege selbst aktiv zu werden. Wir müssen nicht mehr auf die Politik oder gar die Hersteller warten.

Warum also greift hier die deutsche Rechtsprechung nicht ein und verbietet die Verwendung von Mikroplastik komplett, so wie kürzlich in den USA geschehen?

In Deutschland verlässt man sich bis zu einem europaweiten Verbot weiterhin auf die freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller. Eigentlich wollte ein Großteil schon 2014 das Mikroplastik aus ihren Produkten entfernen. Dieses Datum ist nun auf wundersame Weise auf das Jahr 2020 gerutscht. Was fehlt, ist eine verbindliche Erklärung und eine einheitliche Definition. Dafür braucht es meiner Meinung nach Gesetze.

Der BUND hat zu einem Boykott von Plastikkosmetik aufgerufen. Ist das der einzige Weg? Was kann jeder einzelne noch tun?

Am Ende muss jeder für sich selbst wissen, ob er Mikroplastik in seiner Kosmetik möchte oder nicht. Zum Glück ist der Markt ja voll von Produkten, die ohne Mikroplastik auskommen. Meist ist das Zeug nämlich einfach nur ein billiger Füllstoff, der keine besondere Funktion erfüllt. Die kostenlose Codecheck-App zeigt mit einem Scan des Barcodes binnen von Sekunden an, ob ein Produkt plastikfrei ist oder nicht. Außerdem präsentiert die App auch stets bessere Produktalternativen. Doch mit dem Verzicht auf mikroplastikhaltige Kosmetik ist nur ein erster Schritt getan und weitere sollten folgen. Jede Verpackung, jede Plastiktüte oder jeder gewaschene Polyester-Pulli trägt auch zum Plastikproblem unserer Welt bzw. unseren Meeren bei. Wir müssen insgesamt ausgewählter und vor allem bewusster konsumieren.

Codecheck

Denkst du, dass die Industrie sich so schnell anpassen könnte wie bei der plötzlichen Nachfrage nach aluminiumfreien Deos?

Absolut! Mikroplastik könnte extrem leicht durch natürliche Stoffe wie Sand, Salze, Mais, geschrotete Kerne oder Cellulose ersetzt werden. Viele grüne Kosmetiklabels gehen da ja bereits mit gutem Beispiel voran – aber das ist eben auch immer eine Frage des Geldes.

Welche mikroplastikfreien Alternativen zu herkömmlichen Produkten kannst du empfehlen? Welche (plastikfreien) Produkte findet man bei dir im Badezimmer?

Die Codecheck-App zeigt immer eine breite Auswahl guter Alternativprodukte an – und es gibt wirklich eine Menge. Zur Reinigung benutze ich die erfrischende 2in1 Reinigungsmilch von Weleda und massiere mein Gesicht danach noch ausgiebig mit einem Konjac-Sponge. Zur Gesichtspflege schwöre ich auf die Aloe Vera Creme Medium von Santaverde und die Aloe Vera Augencreme. Einmal die Woche benutze ich zusätzlich das Pai Skincare – Echium & Amaranth Age Confidence Oil. Das verleiht meiner blassen Winterhaut einen gesunden Glow und versorgt sie mit extra viel Feuchtigkeit. Bei Mascaras ist es gar nicht so leicht gewesen, ein gutes Produkt zu finden, was kein Mikroplastik besitzt. Ich liebe aber die WINT Mascara von und Gretel – die hält den ganzen Tag und trennt die Wimpern zudem perfekt. Zum Abdecken von Unreinheiten und Augenschatten benutze ich den Cover-Up Concealer von RMS Beauty. Dieser besteht nur aus biologischen, unbehandelten Rohstoffen und wäre theoretisch sogar essbar. Frische zaubere ich mir mit der Mineral Blush Sweetie Darling von Hiro ins Gesicht.  Ähnlich tolle Inhaltsstoffe wie RMS hat auch das Fine Deo – und es riecht so gut, dass ich mir Parfum tagsüber sparen kann. Was mich zudem noch ganz mikroplastikfrei duften lässt, ist mein Lavender Rosemary Shampoo von John Masters.

Urteil

Das Verbot von Mikroplastik in Kosmetikartikeln ist nur einer von vielen möglichen Schritten in die richtige Richtung, unsere Umwelt zu schützen. Grundsätzlich sollte natürlich das ganze Konzept Plastik überdacht werden! Leider schreitet die Entwicklung viel zu langsam voran, erst Mitte 2016 haben sich Modeketten und Supermärkte gegen kostenlose Plastiktüten entschieden. Manchmal erscheint das wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Würde die Tüte auf einmal 2 EUR statt 10 Cent kosten, würden einige Leute möglicherweise tatsächlich umdenken und ihren Jutebeutel zum Einkaufen mitnehmen. Diese kleine Veränderung könnte bereits viel verändern.
Wer sich weiter mit dem Thema Plastik in Ozeanen auseinandersetzen möchte, dem seien die Filme „Plastic Planet“ und „Addicted to Plastic“ empfohlen.

Was tut ihr, um Plastikmüll zu vermeiden? Teilt eure Stories in den Kommentaren!

 

2 Discussions on
“Inhaltsstoffe auf dem Prüfstand: Mikroplastik in Kosmetik”
  • Die Kosmetika die hier von Franziska Grammes empfohlen werden, sind viel zu teuer.
    Der Verbraucher kann nur kritisch kaufen und die Umwelt schonen wenn es nicht um den Preis geht. Wie bei vielen anderen Sachen auch sind die “guten” Produkte eben nicht gut für den Verbraucher -weil zu teuer. Ein Shampoo 24 Euro … was soll man dazu sagen. Umwelt- und gesundheitsschädliche Inhaltsstoffe gehören generell verboten. Das ist nicht Sache des Verbrauchers. Es kann eben leider nicht jeder durch sein Kaufverhalten Dinge ändern das geht nur über den Preis oder die Staatsmacht.

  • Über Mikroplastik habe ich kürzlich auch noch einen Artikel geschrieben. Ich finde, das ist wirklich ein wichtiges und von vielen unterschätztes Thema. Um so wichtiger, es immer wieder aufzugreifen und zu sensibilisieren. Ich kaufe jedenfalls keine Produkte mehr, die Mikroplastik enthalten.
    Ansonsten versuche ich Plastikmüll zu vermeiden, indem ich z.B. Obst & Gemüse lose einkaufe und sowieso immer einen Stoffbeutel dabei habe.

    LG Michaela

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